Was ist ein ängstlicher Bindungsstil? Anzeichen, Ursachen und wie man damit umgeht

Zuletzt aktualisiert am June 11, 2024 by Friedrich Müller

Der Umgang mit Bindungen und zwischenmenschlichen Beziehungen ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wie wir Bindungen eingehen und gestalten, wird schon von klein auf geprägt und beeinflusst unser Wohlbefinden sowie unsere Fähigkeit, Vertrauen in andere aufzubauen.

Ein ängstlicher Bindungsstil ist eine Form der Bindung, bei der Betroffene Schwierigkeiten haben, Sicherheit und Komfort in Beziehungen zu finden. In diesem Artikel gehe ich näher auf die Merkmale eines ängstlichen Bindungsstils ein, erkläre mögliche Ursachen und beschreibe Möglichkeiten, besser damit umzugehen.

Anzeichen eines ängstlichen Bindungsstils

What Are The Attachment Styles—And How Can They Impact Your Relationship? –  Forbes Health

Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil zeigen typischerweise folgendes Verhaltensmuster in engen Beziehungen:

  • Starke Ängste vor Ablehnung und Zurückweisung
  • Hohes Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung, gleichzeitige Furcht davor
  • Übertriebene Eifersucht und Beschützerinstinkt gegenüber dem Partner
  • Bedürfnis nach ständiger Bestätigung und Zuspruch durch den Partner
  • Schwierigkeiten, dem Partner zu vertrauen
  • Starke Abhängigkeit vom emotionalen Zustand des Partners
  • Überreaktionen auf kleinste Anzeichen von Distanz oder Missbilligung

Auf der emotionalen Ebene fühlen sich Menschen mit ängstlichem Bindungsstil oftmals unsicher, verletzlich und haben ein geringes Selbstwertgefühl. Ihr Wohlbefinden hängt extrem vom Verhalten des Partners ab.

Ursachen eines ängstlichen Bindungsstils

What Are The Attachment Styles—And How Can They Impact Your Relationship? –  Forbes Health

Die frühe Beziehung zu den eigenen Eltern oder Bezugspersonen spielt eine große Rolle bei der Herausbildung des Bindungsstils. Mögliche Ursachen für einen ängstlichen Stil:

  • Unsichere, schwankende Zuneigung der Eltern
  • Übertriebene Kontrolle und Überforderung durch die Eltern
  •  Vernachlässigung oder emotionale Unverlässlichkeit
  • Möglicherweise eigene Ängste oder Depressionen der Eltern
  • Früher Verlust von Bezugspersonen (Tod, Trennung)
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Diese frühen Prägungen führen dazu, dass das Kind lernt, Beziehungen als bedrohlich und unzuverlässig wahrzunehmen. Später im Erwachsenenalter aktivieren ähnliche Muster in engen Beziehungen alte Ängste und Unsicherheiten.

Anzeichen in einer Partnerschaft

Disorganized Attachment Style: Causes, Signs, & Coping

In einer Partnerschaft zeigt sich ein ängstlicher Bindungsstil oft wie folgt:

  • Starke Eifersuchtsanfälle und Kontrollbedürfnis gegenüber dem Partner
  • Überinterpretation von Zeichen der Distanz oder des Desinteresses
  • Schuldvorwürfe gegenüber dem Partner bei Konflikten oder Streit
  • Hohes Maß an emotionaler Abhängigkeit und enger Klammern am Partner
  • Überzogene Befürchtungen vor Trennung oder Untreue
  • Ungeduldiges Drängen auf ständigen Kontakt und Bestätigung
  • Schwierigkeiten, dem Partner eigenständige Zeit und Freiräume zu lassen
  •  Schnelles Ignorieren eigener Bedürfnisse zugunsten des Partners

Für den Partner ist dies oft belastend und führt leicht zu Spannungen oder Abwehrreaktionen. Der ängstliche Partner wiederum reagiert darauf meist mit noch stärkerer Anklammerung oder Kontrolle.

Folgen für die eigene psychische Gesundheit

Anxious and avoidant attachment styles are negatively related to indicators  of evolutionary fitness : r/science

Ein unreflektierter ängstlicher Bindungsstil kann sich langfristig negativ auf die eigene psychische Gesundheit auswirken:

  • Chronische Anspannung und innere Unruhe
  • Depressive Verstimmungen bei Gefühlen der Ablehnung
  • Schlafstörungen durch ständige Worrisiererei
  • Gesteigertes Maß an Eifersucht und Kontrollverhalten
  • Zunahme von Ängsten und Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung
  • Gefühl des Versagens und geringes Selbstwertgefühl
  •  Schwierigkeiten, Vertrauen in sich selbst und andere aufzubauen
  • Starke emotionale Abhängigkeit von der Partnerschaft

In belastenden Lebensphasen kann sich dies deutlich verstärken und bis hin zur Ausbildung von Depressionen oder Angststörungen führen. Eine Reflexion der eigenen inneren Dynamik ist daher wichtig.

Umgang mit einem ängstlichen Bindungsstil

13 Phrases for Fighting With Different Attachment Styles, According to  Therapists - Parade

Der erste Schritt beim konstruktiven Umgang ist, den eigenen Bindungsstil überhaupt als solchen zu erkennen und zu verstehen. Wichtige Ansatzpunkte:

  • Sich selbst und die eigenen Bedürfnisse besser wahrnehmen lernen
  • Mehr Verständnis für die Partnerperspektive entwickeln
  • Lernen, Vertrauen in die Beziehung und den Partner aufzubauen
  • Konflikte offen und konstruktiv statt vorwurfsvoll besprechen
  • Sich bewusst Grenzen setzen und Abstand gewinnen, wenn nötig
  • Zeit für sich selbst und eigene Aktivitäten einplanen
  • Ängste und Unsicherheiten in Therapie reflektieren
  • Von positiven zwischenmenschlichen Erfahrungen lernen
  • Dem Partner Vertrauen und Freiraum zugestehen
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Mit Geduld und Übung gelingt es so zunehmend, das eigene Sicherheitsbedürfnis aus sich selbst und nicht allein aus der Beziehung zu stillen. Dies führt zu mehr innerem Gleichgewicht.

Fazit

Zusammenfassend ist der ängstliche Bindungsstil eine belastende, aber überwindbare Dynamik in engen Beziehungen. Entscheidend ist, die eigenen Mechanismen zu verstehen und Schritt für Schritt das Vertrauen in sich selbst und andere aufzubauen.

Mit Reflexion, dem Erlernen neuer Verhaltensmuster und der Unterstützung durch den Partner oder eine Therapie lässt sich der Bindungsstil langfristig in eine für alle Beteiligten gesündere Richtung entwickeln. Das erfordert Geduld und Konsequenz, lohnt sich aber für ein erfüllteres Beziehungsleben.